Die westlichen Gesellschaften haben etwas sehr Wichtiges vergessen: Wie man zusammenlebt. Und damit meine ich in erster Linie das Familienleben.
Dabei war es früher etwas Normales, dass von der Oma bis zu den Enkeln und gar Urenkeln alle zusammen unter einem Dach wohnten.
Heute dominiert der Individualismus. Das heißt, alle müssen individuell sein. Das Individuum hat Vorrang gegenüber der Gemeinschaft. Was auf den ersten Blick als moderne Errungenschaft des aufgeklärten Menschen scheinen mag, entpuppt sich auf den zweiten Blick als Geißel der Gesellschaft.
Letzten Sommer hatte ich ein einzigartiges Erlebnis. Ich verbrachte drei Wochen am Stück zusammen mit meinen Eltern. Das letzte Mal, als ich so etwas gemacht hatte, war ich siebzehn, also gut siebzehn Jahre jünger. In all der Zeit dazwischen hielt ich es nie länger als drei Tage bei meinen Eltern aus. Sie gingen mir immer schlicht und einfach auf die Nerven und langweilten mich. Ich fühlte mich eingeengt und erinnerte mich an damals, als sie noch versuchten mich zu erziehen, und als ich dachte, ich wusste alles besser.
Anfangs noch besorgt, stellten sich allerdings diese drei Wochen als sehr schön und auch lehrreich heraus. Ein Hilfefaktor war allerdings auch meine kleine Tochter, welche mich dabei unterstütze keine Routine zu spüren.
Lehrreich auch, weil ich meine Geduld trainieren und meine Weisheitszellen im Gehirn erfrischen und vermehren konnte, denn der Umgang mit Eltern ist für Kinder nicht immer einfach. Welcher Vater lässt sich schon von seinem Sohn belehren? Auf die direkte Art klappt das fast nie. Dazu muss man einige (erlaubte) Tricks anwenden.
In islamischen Gesellschaften steht der Mutter der höchste Rang in der Familie zu. Kaum einer wagt es die Autorität der Mutter in Frage zu stellen. Erst danach kommt der Vater.
Seien wir ehrlich: In Deutschland haben fast alle Jugendlichen nicht genügend Respekt für ihre Eltern. Ich bin ein Kind dieser Gesellschaft, und ich spreche aus meiner Erfahrung. Damit erwähne ich keine Einzelfälle, sondern die Allgemeinheit. In anderen westeuropäischen Länder sieht es genauso aus, und von den Champions der Zivilisation, den USA, sowieso ganz zu schweigen.
Im Quran heißt es:
Und dein Herr hat bestimmt, dass ihr nur Ihm dienen und zu den Eltern gütig sein sollt. Wenn nun einer von ihnen oder beide bei dir ein hohes Alter erreichen, so sag nicht zu ihnen: „Pfui!“ und fahre sie nicht an, sondern sag zu ihnen ehrerbietige Worte. Und senke für sie aus Barmherzigkeit den Flügel der Demut und sag: „Mein Herr, erbarme Dich ihrer, wie sie mich aufgezogen haben, als ich klein war.“ (Sura 17 al-Isra, Aya 23-24)
Ein Mann kam zum Propheten Muhammad und sagte: „O Gesandter Allahs, wer von den Leuten hat am meisten Anrecht auf gute Freundschaft meinerseits?“ Er sagte: „Deine Mutter.“ Er sagte: „Und wer dann?“ Er sagte: „Deine Mutter.“ Er sagte: „Und wer dann?“ Er sagte: „Deine Mutter.“ Er sagte: „Und wer dann?“ „Dein Vater.“
Daran werde ich mich halten, obwohl es oft für mich bedeutet über meinen eigenen Schatten zu springen.